Artikel 5: Zeit-Fragen Nr.39 vom 3.10.2005
In der Geschichte der
Wissenschaften, auch der der Naturwissenschaften, und in besonderer
Weise in der Geschichte der Medizin ist die kontroverse Diskussion
nichts Aussergewöhnliches. Typischerweise ist die herrschende
Lehrmeinung konservativ. Die amtierenden Professoren und Beamten
reagieren eher selten begeistert auf neue Erkenntnisse eines
Kollegen, die eine Überarbeitung der eigenen Lehrbücher
nahelegen. Diese irgendwie verständliche geistige Trägheit
tritt besonders deutlich dort zu Tage, wo es um das Zugeständnis
eigenen fehlerhaften und schädigenden Handelns ginge, wenn man
die neuen Erkenntnisse anerkennen würde.1 Auf andere Weise
heikel sind neue Erkenntnisse, wenn sie ideologisch-religiöse
Bereiche tangieren - ich erinnere an den Fall Galileo Galilei.
Wenn es um die kritische Einschätzung der Kernenergienutzung,
der friedlichen wie der militärischen, geht, haben wir mit
beiden zu tun. Hinzu kommt, dass - speziell - Wissenschaftler, denen
man gerne einen klaren Kopf unterstellt, eben auch Wert auf eine
steile Karriere legen. Viel zu oft wird dem Mammon und dem
Bedürfnis, dem Club der von der Obrigkeit anerkannten Fachleute
zugerechnet zu werden, Vorrang vor der Vertretung der Wahrheit
gegeben. «Professor» hat aber nichts mit dem lateinischen
«proficere» (weiterkommen, fortkommen, gewinnen) zu tun,
sondern geht auf das lateinische «profiteri» zurück,
was soviel wie «öffentlich bekennen» bedeutet. Dass es
bei der Wissenschaft nicht darum geht, einfach irgend etwas zu
bekennen, sondern die Wahrheit, klingt zwar banal, ist aber nicht
selbstverständlich.
Die zunehmende finanzielle Drosselung des Wissenschaftsbetriebes, die
wach-sende Abhängigkeit von gut dotierten Aufträgen aus der
Industrie oder der Regierung, die notorische Notwendigkeit,
Drittmittel einzuwerben, und die zunehmende Macht des Geldes und der
Wirtschaft führen dazu, dass Wahrheit an sich, der Schutz vor
den negativen Begleiterscheinungen profitabler Tätigkeiten, die
selbstverständliche Parteinahme für Bürger, die durch
profitable gefährliche Substanzen, katastrophale Technik,
rücksichtslose Arbeitsbedingungen zu Schaden kommen, für
Wissenschaftler zu Luxusgütern geworden sind. Sie sind wenig
karriereförderlich und können sogar schnell die Karriere
kosten. Der kritische Blick auf die «Weisskittel», ihre
Trägheit, ihre bisherigen Fehlleistungen, ihre opportunistische
Neigung, das zu finden, was der Auftraggeber gerne sähe, und das
nicht zur Kenntnis zu nehmen, was den nächsten Auftrag
gefährdet, die von ihnen gesuchte Nähe zu den
Mächtigen und ihre fehlende Verbundenheit mit den
«normalen» Bürgern, den «Opfern»,
gehört so wesentlich zur Suche nach der Wahrheit dazu, wie das
möglichst tiefe Verständnis von Messungen, von Fakten aller
Art und von Logik.
Es ist nur bedingt tröstlich, dass sich auf lange Sicht die
Wahrheit dann meist doch durchsetzt, denn wir sind mit den Problemen
heute und morgen konfrontiert. So hilft es auch nur bedingt, sich
klarzumachen, dass Wahrheit nicht per Mehrheitsbeschluss
wissenschaftlicher Gremien zustande kommt. Solche Gremien erwecken
lediglich den Anschein und bilden sich ein, dass sie mit Hilfe ihrer
Experten eben genau die Wahrheit definieren können und dass sie
das auch tun sollen. Sie haben Einfluss auf Politik und Wirtschaft um
so mehr, je weiter ihre Wahrheit den Wünschen von Politik und
Wirtschaft entgegenkommt.
All das kollidiert stark mit dem in unserer Kultur über
Generationen anerzogenen Respekt vor Autoritäten, vor
Wissenschaftlern und besonders vor Ärzten. Wagen wir es nicht,
die Berechtigung dieses Respekts ständig neu zu
überprüfen, in Frage zu stellen, so werden wir auch kaum zu
einer sachlich begründeten eigenen Position zu den so weit
auseinanderliegenden Aussagen zur Katastrophe von Tschernobyl
gelangen.
Im Herbst 1986 legte die UdSSR im
Rahmen einer grossen Konferenz der Internationalen
Atomenergie-Agentur (IAEA) in Wien einen Bericht über die
Tschernobyl-Katastrophe vor. Da zu dieser Zeit strikte
Geheimhaltungsvorschriften des sowjetischen Geheimdienstes KGB zu
nahezu allen relevanten Fragen in Zusammenhang mit Tschernobyl
galten, ist bis heute unklar, ob sich die Autoren des Berichtes
über diese Anordnungen hinweggesetzt haben und nach bestem
Wissen und Gewissen berichteten oder ob sie der versammelten
internationalen Expertenrunde Märchen aufgetischt haben.
Berichterstatter in Wien war damals das Akademiemitglied und
stellvertretende Direktor des Moskauer Kurtschatov-Instituts, Prof.
V.A. Legassow. Sein Selbstmord im Jahre 1988 und das von ihm
verfasste erschütternde Testament zur Tschernobyl-Problematik
deuten eher auf die zweite Variante hin.
In dem Bericht von 1986 sind im Anhang 7 die in der Tabelle 1 (siehe
unten) zusammengefassten Angaben enthalten. 1986 galt noch die
Empfehlung Nr. 26 der Internationalen Strahlenschutzkommission (ICRP)
aus dem Jahre 1977. Darin ist angegeben, mit wie vielen
zusätzlichen Krebs- und Leukämietoten damals gerechnet
wurde, falls eine Million Personen mit einem rem belastet würde.
Die ICRP gab für die-sen Fall den Risikofaktor von 125 an. Damit
ergäbe sich auf Grund der damaligen Konventionen eine Gesamtzahl
zu erwartender zusätzlicher Krebs- und
Leukämietodesfälle von 240,6 mal 125 = 30075 durch die
Reaktorkatastrophe von Tschernobyl. Das ist eine grobe
Überschlagsrechnung - immerhin kommt Rosen 1986 im IAEA-Bulletin
auf annähernd die gleichen Werte. UNSCEAR rechnete damals
ausserdem mit 18800 genetischen Belastungen pro Generation.
Krebserkrankungen, die nicht zur Todesursache werden, wurden damals
noch nicht mitgerechnet, auch nicht die Viel-zahl anderer
möglicher Erkrankungen nach Strahlenbelastungen.
In den folgenden Jahren führte der Druck neuer Ergebnisse aus
Hiroshima und Nagasaki dazu, dass der Risikofaktor von der ICRP in
ihrer Empfehlung Nr. 60 aus dem Jahre 1990 erhöht wurde auf 500
pro Millionen man rem, in den inzwischen geänderten
Masseinheiten 500 pro 10000 Personen Sievert oder einfacher 5 Prozent
pro Sievert (%/Sv). Verknüpft man die russischen Daten von 1986
mit dem neuen Risikofaktor, so kommt man auf 240,6 mal 500 = 120300
zusätzliche Krebs- und Leukämietote.
Der neue Risikofaktor ist wie der alte das Ergebnis eines
Kompromisses zwischen Geschäftsinteressen der Atomindustrie und
dem Druck der Originalergebnisse der Analyse der
Hiroshima-Nagasaki-Daten. Die Kommission der Vereinten Nationen
UN-SCEAR gab im Jahre 2000 einen Risikofaktor von 11%/Sv an. Das
würde mit den russischen Daten zu insgesamt 264660
zusätzlichen Krebstoten führen. Die hier angestellten
Überlegungen beinhalten nichts anderes als die Verknüpfung
der Angaben der Russen mit denen der Gremien (ICRP, UNSCEAR), die
für sich in Anspruch nehmen, den Stand der Wissenschaften auf
diesem Gebiet zu formulieren.
Es ist völlig klar, dass diese Zahlen kein sehr positives Bild
auf die Nutzung der Kernenergie werfen. Um das Image zu retten, wurde
das Internationale Tschernobylprojekt in Auftrag gegeben. Die Leitung
hatte die IAEA, die Ergebnisse wurden im Frühjahr 1991 in Wien
vorgelegt. 200 westliche und 500 russische Wissenschaftler kamen zu
dem erwünschten Ergebnis: Es gäbe keine
Gesundheitsstörungen, die direkt der Strahlenbelastung
zugeordnet werden könnten, und die Kinder, die untersucht
wurden, wären im allgemeinen (generally) gesund. Ein zynischerer
Schlag ins Gesicht der betroffenen Menschen und ebenso ins Gesicht
der Ärzte, die unter erbärmlichen Umständen mit der
Verschlechterung des Gesund-heitszustandes der Bevölkerung
täglich konfrontiert sind, ist kaum vorstellbar.
Die Akademien der Wissenschaften in Belorussland und in der Ukraine
haben scharf gegen dieses Machwerk protestiert. Ähnlich
tendenziös äusserte sich der UNSCEAR-Bericht 2000: mit
Ausnahme von Schilddrüsenkrebs bei Kindern («behandelbar,
nicht töd-lich») gäbe es keinen wissenschaftlichen
Nachweis eines Anstiegs der Krebsinzidenz (Neuerkrankungen pro Jahr)
oder der Krebssterblichkeit (Krebstote pro Jahr) oder der
Nicht-Krebserkrankungen, der zur Strahlenbelastung in Beziehung
gesetzt werden könnte. Die IAEA berichtete davon triumphierend
in einer Presseerklärung.
In einem beeindruckenden Kraftakt
wurde 2003 das Tschernobyl-Forum der Vereinten Nationen
gegründet - allerdings von der Öffentlich-keit kaum
wahrgenommen. Es vereint Organisationen mit klangvollen Namen: IAEA,
WHO, FAO, UNDP, UNEP, UN-OCHA, UNSCEAR, Weltbank, die Regierungen
Belorusslands, Russlands und der Ukraine. Am 6. und 7. September
wurden die Arbeitsergebnisse während einer von der IAEA in Wien
organisierten Konferenz vorgelegt. Sinn der aufwendigen
mehrjährigen Zusammenarbeit war die Formulierung von
Sprachregelungen im Hinblick auf den 20. Jahrestag der Katastrophe im
nächsten Jahr (2006), und zwar auf der höchstmöglichen
Ebene, nämlich der von UN-Organisationen und Regierungen,
ausserdem der Abschluss sämtlicher Forschungsarbeiten zum Thema
Tschernobyl und die Vermittlung der These, dass das Hauptproblem der
Region die Armut sei und nicht Tschernobyl. Dr. M. Repacholi, Manager
des WHO-Strahlenprogramms, bringt es auf seine Weise auf den Punkt:
«Die Hauptbotschaft des Tschernobylforums ist: kein Grund zur
Beunruhigung.»
Der Zugang zur Konferenz war nur mit Hilfe einer Delegierung durch
eine Regie-rungsstelle möglich.2 Es wurden mit Photographien
versehene Teilnehmeranstecker hergestellt, der Zutritt zu den
Tagungsräumen war nur durch einen Metalldetektor möglich,
die Tasche wurde durch-leuchtet. Die Entwürfe dreier
Arbeitsmaterialien im Umfang von insgesamt etwa 600 Seiten lagen
aus:
Unter den Teilnehmern waren
hochrangige Fachleute, zum Beispiel Professor L. A. Ilyin vom
Institut für Biophysik beim Ministerium für
Gesundheitswesen in Moskau. Ilyin ist ein wichtiger Mann, auf seinem
Schreibtisch landeten über Jahrzehnte alle (Geheim-)Berichte
über Strahlenvorkommnisse auf dem Gebiet der Sowjetunion. Er ist
langjähriger Vertreter der Sowjetunion bzw. Russlands im
UNSCEAR-Komitee und bei der ICRP. Die belorussischen Ärzte
schätzen ihn nicht, weil er persönlich dafür
verant-wortlich ist, dass den Ärzten verboten wurde, die
flächendeckende Jodprophylaxe unmittelbar nach der
Tschernobyl-Katastrophe durchzuführen. Er hoffte damals, auch
diese Katastrophe vor der Öffentlichkeit geheimhalten zu
können. Viele tausend Kinder und Erwachsene mit
Schilddrüsenkrebs sind auf Grund der Fehlentscheidung von Ilyin
erkrankt.
Ebenfalls anwesend war Pro-fessor Yu. A. Izrael vom Institut für
Weltklima und Ökologie in Moskau. Izrael war für die
Durchführung der Fallout-Messungen zuständig. Er hat
bereits 1990 in der deutschen Zeitschrift «Atom-wirtschaft»
erklärt: «Unter der Bevölkerung konnten keine
strahlungsbedingten Erkrankungen festgestellt
werden.»
Es handelt sich bei dem jetzt
vorgelegten Bericht über die Auswirkungen der Reaktorkatastrophe
von Tschernobyl auf die Gesundheit nur um eine Literaturstudie. Die
Autoren trafen sich viermal, um über den Bericht zu beraten. Der
Bericht weist schwerwie-gende Mängel auf. In vielen Fragen
stützt sich der Report auf Analysen, die 10 Jahre alt sind. Eine
Überprüfung der Aussagen ist schwer oder gar nicht
möglich. Die Daten zur Dosimetrie und die Daten zu den
betroffenen Populationen liegen gar nicht genau vor - statt dessen
können nur grobe Schätzwerte verwendet werden, zu denen
aber keine Fehlerbereiche angegeben werden können. Es werden
notgedrungen Mittelwerte über grosse Personengruppen und riesige
Territorien gebildet, ohne die Einzelwerte zu kennen. Es gehen
Voraussetzungen in die Betrachtung ein, die - wenn überhaupt -
nur in Nebensät-zen vorkommen, aber die Einschätzungen
wesentlich beeinflussen und mehr als fragwürdig sind.
Aber auch das, was an Daten im Prinzip vorliegt, ist externen
Wissenschaftlern zur Überprüfung der vorgelegten
Darstellung nicht frei zugänglich. So kann man lediglich
glauben, was die Wissenschaftler der UN-Gremien vorlegen - oder es
aber auch nicht glauben. Mit Wissenschaft hat das wenig zu tun. Ein
fundierter wissenschaftlicher Diskussionsprozess ist unmöglich,
solange die Quelldaten nur der einen Seite zur Verfügung
stehen.
Bis 1996 waren in Belorussland, der
Ukraine und Russland 200000 Katastrophenhelfer
(«Liquidatoren») registriert. Im vorliegenden Bericht wird
angegeben, dass rund 400000 Liquidatoren registriert sind.
Gleichzeitig gesteht man zu, dass insgesamt 600000 bis 800000
Liquidatoren im Einsatz waren. Es besteht danach
vernünftigerweise kein Zweifel, dass rund die Hälfte der
Liquidatoren - überwiegend junge Soldaten - nach ihrem Einsatz
ohne Belege, ohne registriert worden zu sein, ohne ihre Strahlendosis
zu kennen irgendwohin in ihre Heimat entlassen wurden, typischerweise
ohne Zugang zu sachkundigen, auf mögliche Strahlenschäden
speziali-sierte Ärzte.
Selbst von den registrierten Liquidatoren hat man nur sehr
unvollständige Daten. Über die von ihnen
durchgeführten Arbeiten gibt es keine Aufzeichnungen; sie
würden gewisse Rückschlüsse auf die Dosis erlauben.
Von den registrierten russischen Liquidatoren hat man Dosisangaben in
63% der Fälle, von den ukrainischen in 56% und von den
belorussischen Liquidatoren nur in 9% der Fälle. Der Bericht
gibt trotzdem für die externe Strahlendosis Mittelwerte,
Medianwerte und 75%- und 95%-Perzentile an. Was sind denn solche
Daten wert?!
Der Bericht erwähnt nicht die folgende Verfügung U-2617 C
vom 27.6.1986 aus der III. Hauptverwaltung des
Gesundheitsministeriums der UdSSR über die Erhöhung der
Geheimhaltungsmassnahmen für Liquidationsarbeiten am
Kernkraftwerk Tschernobyl (gezeichnet von Schulschenko):
«Für geheim erklärt sind die Daten über die
Havarie, für geheim erklärt sind die Ergebnisse über
die Heilung der Krankheiten, für geheim erklärt sind die
Daten über das Ausmass radioaktiver Bestrahlung von Personal,
das bei der Liquidation der Havarie des Atomkraftwerks Tschernobyl
teilgenommen hat.»
Es wurde auch nicht die folgende Regierungsanordnung Nr. 52617,
Anordnung Nr. 205 vom 8.7.1987, von der gleichen Institution
bewertet: «Die akuten und chronischen Erkrankungen von Personen,
die an der Liquidation der Folgen der Havarie im Atomkraftwerk
Tschernobyl teilgenommen haben und die eine Dosis von weniger als 50
rem (500 mSv in der neuen Masseinheit) haben, dürfen nicht in
einen Zusammenhang mit der Wirkung ionisierender Teil-chen gebracht
werden.» Wenn man diese Vorgabe auf die Hiroshima-Nagasaki-Daten
anwenden würde, wäre es fast aussichtslos, dort
Strahlenopfer ausfindig zu machen. Was gerade in den ersten Jahren
nach der Katastrophe unter dem Druck der Regierung und des KGB
weisungsgemäss gar nicht oder wissentlich falsch aufgezeichnet
wurde, lässt sich heute auch durch noch so trickreiche
Rekonstruktionen nicht wiederherstellen. Je länger diese Daten
hin- und hergeschoben werden, desto intransparenter und
unglaubwürdiger wird das Ergebnis.
In dem vorliegenden Bericht werden nur 200000 Liquidatoren
berücksichtigt, die in den schlimmen Jahren 1986 und 1987 im
Einsatz waren. Es bleibt offen, weshalb statt dessen nicht die 350000
Liquidatoren mit einbezogen wurden, die nach Angaben der IAEA vom
August 2005 in diesen beiden Jahren im Einsatz waren. Würde man
diese Angaben der IAEA verwenden, würde sich die Zahl der allein
bei den Liquidatoren zu erwartenden zusätzlichen Krebs- und
Leukämietoten um 1650 erhöhen.
Da die zugrundeliegenden Daten
geheimgehalten werden, ist es nur in Ausnahmefällen
möglich, selbst zu rechnen. Was man dagegen versuchen kann, ist,
die Übereinstimmung des vorgelegten Berichtes mit den
angegebenen Literaturquellen zu überprüfen. Nimmt man
exemplarisch eine Arbeit von E. Cardis et al., die im Bericht zitiert
wird, so ergeben sich seltsame Details:
E. Cardis gibt in ihrer Originalarbeit Abschätzungen für
die zu erwartenden Krebs- und Leukämietodesfälle
während einer gesamten Lebenszeit von 95 Jahren für einen
Teil der Liquidatoren an, für die aus der 30-Kilometer-Zone
Evakuierten, für die in der Zone strikter Kontrolle lebenden
Menschen und für in anderen belasteten Gebieten lebende
Menschen. Dazu nennt sie unter anderem die Anzahl der Personen, die
durchschnittlich empfangene Strahlendosis und die vorausgesagte
Anzahl der zusätzlichen Krebs- und Leukämietodesfälle.
Im Text ihrer Originalarbeit gibt sie an mehreren Stellen
Unsicherheitsbereiche an, zum Beispiel 6 bis 20 Millisievert (mSv)
für die Dosis, die die Bevölkerung in anderen belasteten
Gebieten durchschnittlich abbekam. In einer Tabelle gibt sie die
Kollektivdosis für Menschen, die in kontaminierten Gebieten
leben, auch mit einem Schwankungsbereich an, zum Beispiel
35000-100000. Bei diesen Angaben steht ein leicht zu
überlesender Index (a), und in der dazugehörigen Fussnote
findet man, dass damit nur die Strahlendosen von 1986 bis 1995
erfasst sind. Würde man den längeren Zeitraum von 1996 bis
2056 dazunehmen (was dem sonst betrachteten Zeitraum von 95 Jahren
zumindest nahekäme), würde die Kollektivdosis um 50%
ansteigen. In der Tabelle 2 (nur in der gedruckten Ausgabe) listen
wir die Angaben der Originalarbeit von E. Cardis auf und vergleichen
diese mit den in den WHO-Bericht übernommenen Daten (rechte
Spalte).
Aus der Tabelle 2 (siehe unten) ist zu erkennen, dass E. Cardis die
Unsicherheiten nicht in den WHO-Bericht übernommen hat. Sie
kommt in ihrer Originalarbeit auf 10593 bis 26598 zusätzlich
innerhalb von 95 Jahren zu erwartende Krebs- und
Leukämietodesfälle. Im WHO-Bericht, der sich an dieser
Stelle ausdrücklich und nur auf die Originalarbeit von E. Cardis
bezieht, kommen davon nur noch 8930 an.
In der Presseerklärung des Chernobyl Forums zu der Wiener
Konferenz kommen die 8930 Toten nicht vor, deshalb werden sie auch in
keinem Zeitungsbericht über die Konferenz erwähnt. Statt
dessen wird in der Presseerklärung und in den Medien von 4000
auf lange Sicht zu erwartenden zusätzlichen Krebstoten
berichtet, das heisst für die Öffentlichkeit wurde der
grösste Posten in Tabelle 2 - die Toten in den «anderen
kontaminierten Gebieten» - einfach weggelassen. In der
Diskussion spielte die Zahl 8930 jedoch eine gewisse Rolle. Es wurde
nicht kritisiert, dass sie deutlich niedriger ist als in der
angeführten Referenz. Es wurde vielmehr gefordert, die Tabelle,
in der diese Zahl sich ergibt, doch lieber wegzulassen, weil sie
falsch verstanden werden könnte. So würde der Laie nicht
berücksichtigen, dass diese Toten ja unter den viel
zahlreicheren natürlichen Krebs-todesfällen gar nicht
nachzuweisen sein würden. Eigentlich wären es ja auch keine
richtigen Toten, sondern nur fiktive Rechengrössen, die man
besser ganz beiseite lassen sollte - so etwa argumentierte Klaus
Becker aus Deutschland, der auf Konferenzen die-ser Art
regelmässig anzutreffen ist. Er hat vermutlich Mühe, den
Sinn des Begriffs «stochastische Strahlenschäden» zu
erfassen.
Das Chernobyl Forum folgt der bisher von den internationalen Gremien und nationalen Behörden verfolgten Argumentationslinie, es gäbe eine deutliche Zunahme von Schilddrüsenkrebs bei Kindern und Jugendlichen, aber man könne ja diese bedauerliche Erkrankung heute gut behandeln. Dass Kinder, denen die Schilddrüse entfernt werden musste, lebenslang mit Medikamenten versorgt werden müssen, fällt unter den Tisch. Das mag in Westeuropa ein zu vernachlässigendes Problem darstellen, unter den Lebensbedingungen in Russland, Belorussland und in der Ukraine ist es das aber durchaus nicht. Es fällt auch unter den Tisch, dass diese Kinder in kurzen Abständen regelmässig in einer darauf spezialisierten medizinischen Einrichtung vorsprechen müssen, um rechtzeitig bemerken zu können, wenn es neue Knoten oder Metastasen in anderen Organen gibt. Viele Eltern ha-ben für die erforderlichen Reisen in die Klinik einfach nicht das Geld. Und es fällt unter den Tisch, dass die Schilddrüsenkrebsrate auch bei Erwachsenen drastisch angestiegen ist. E. Lengfelder publizierte in den Münchner Medizinischen Wochenschriften, dass sich im Gebiet Gomel in Belorussland die Schilddrüsenkrebsrate bei 0 bis 18jährigen in den 13 Jahren nach der Katastrophe im Vergleich zu den 13 Jahren davor veracht- und verfünzigfacht hat. In der Altersgruppe von 19 bis 64 Jahren liegt die Schilddrüsenkrebsrate nach der Katastrophe immerhin 5- bis 6mal höher als vor der Katastrophe, und die absoluten Zahlen der erkrankten Erwachsenen sind sehr viel höher als die der Kinder. Die untenstehende Abbildung macht anschaulich, wie sich die jährlichen Neuerkrankungen an Schilddrüsenkrebs in Belorussland von 1976 bis 2000 entwickelt haben - für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Dazu steht im WHO-Bericht kein einziges Wort.
Es gab bei der IAEA wenig
Gelegenheit zur Diskussion. Vehement wurde jedoch von mehreren
Beobachtern aus den drei hauptsächlich betroffenen Staaten dem
unterschwelligen Ton der Vortragenden widersprochen, man wüsste
nun alles, was man wissen müsste und das Buch Tschernobyl
könne nun geschlossen werden. Es wurde zu Recht auf die bereits
viel länger laufenden Analysen der Daten von Hiroshima und
Nagasaki und auf die jahrzehntelangen Latenzzeiten verschiedener
Krebserkrankungen verwiesen. Es wurde auch kritisiert, dass die
zugrundeliegenden Datenarchive der freien Forschung nicht zur
Verfügung stehen. Misst man den Erfolg der Konferenz an den
Medienreaktionen, so kann man eine gewisse Wirkung nicht von der Hand
weisen: Die Thesen, dass die Gesundheitsschäden viel geringer
wären als man ursprünglich befürchtet hatte, dass sie
unter den natürlichen Todesursachen sowieso nicht herauszufinden
wären, dass bisher nur 50 Todesfälle wirklich auf die
Katastrophe zurückgeführt werden könnten, dass die
Armut das eigentliche Problem wäre, wurden von allen wichtigen
Medien weltweit brav nachgebetet.
Inzwischen gibt es erste Reaktionen aus den drei betroffenen
Ländern: Aus dem Atomenergieministerium in Moskau kommt die
Botschaft: «Wenn wir über Strahlenwirkungen reden, dann
denke ich, dass die Zahl 4000 das Maximum darstellt», sagt der
In-formationsdirektor des Ministeriums, das verständlicherweise
kein Interesse daran hat, Strahlenrisiken zu übertreiben und die
russische Reaktortechnik schlechtzumachen.
Anders äussert sich die stell-vertretende Ministerin für
Katastrophenschutz in der Ukraine, Tatjana Amosova: Sie könne
diesen Daten nicht zustimmen. Die Ukraine zahle Entschädigungen
an Angehörige von mehr als 17000 Menschen, die an den
Aufräumarbeiten beteiligt waren und im Verlaufe der vergangenen
19 Jahre starben.
Aus Belorussland äusserte sich Vladimir Tsalko, Vorsitzender des
Regierungskomitees für die Konsequenzen der
Tschernobyl-Katastrophe. Sie könnten den Bericht nicht
akzeptieren und hätten eine Menge Argumente dafür. Sie
würden einer Vielzahl von Daten nicht zustimmen.
Offizielle Vertreter aus Belorussland und der Ukraine kündigten
bereits an, in den nächsten Wochen eine kriti-sche
Einschätzung des Reports zu verfassen und Änderungen in der
endgültigen Textfassung zu fordern.
Quellen:
WHO: Health Effects of the Chernobyl Accident and Special Health Care Programmes, Report of the UN Chernobyl Forum, Expert Group «Health» (EGH), Working Draft, July 26, 2005.
Cardis, E., Anspaugh, L., Ivanov, V.K., Likhtarev, I.A., Mabuchi, K., Okeanov, A.E., Prisyazhniuk, A.E.: Estimated long term health effects of the Chernobyl accident, p. 241-279, in: One Decade After Chernobyl. Summing up the Consequences of the Accident. Proceedings of an International Conference, Vienna 1996. STI/PUB/1001. IAEA, Vienna 1996.
1 Ich erinnere an die
Schwierigkeiten, die Ignaz Semmelweis von seinen ärztlichen
Kollegen bereitet wurde, als er erkannte, dass man dem tödlichen
Kindbettfieber so gut wie einfach beikommen kann, indem der Arzt sich
zwischen der Präparation von Leichen und der Untersuchung
gebärender Frauen einfach mal gründlich die Hände
wäscht. Ein ähnliches Beispiel ist der Umgang mit Alice
Stewart, nachdem sie nachgewiesen hatte, dass Röntgenaufnahmen
bei schwangeren Frauen zur Vermessung der Beckenmasse zu einer
erhöhten Leukämierate bei den danach geborenen Kindern
führen. Es dauerte mehr als 10 Jahre, bis die ärztlichen
Kollegen derartige Röntgenaufnahmen unterliessen; die
Nestbeschmutzerin blieb Alice Stewart allemal.
2 Der Autor dankt dem
Bundesumweltministerium.
Tabelle 1: Strahlenbelastungen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl laut Bericht der UdSSR an die IAEA, 1986, Anhang 7
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Tabelle 2: Vergleich von Angaben in der Originalarbeit von E. Cardis und Zitaten im Bericht der Weltgesundheitsorganisation (WHO)
Anzahl in mSv in man
Sv zusätzliche
Krebs- und
Leukämietote
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